Standfeste Katharina sucht neues Kleid
Es waren äußerst spannende Wochen und sie bereiteten dem einen und anderen von uns schlaflose Nächte.
* Acht Wochen lang rangen Gemeindeglieder und Fachingenieure gemeinsam um ein optimal wirkungsvolles, finanzierbares Konzept zur Rettung der Fronleichnamskapelle.
* Drei Wochen lang wurden die historischen Feldsteinfundamente aufwendig mittels Nadeln aus Stahl gesichert.
* Sechs Wochen lang verfestigten Spezialisten den Baugrund unter den Fundamenten. Bis in 7 m Tiefe mussten sie mit großem Feingefühl bohren und mit hoher Präzision ein Gemisch aus Zement und Sand in den Baugrund einbringen.
In dieser Zeit ließen wir die Katharinenkirche nicht aus den Augen. Elektronische Sensoren registrierten die kleinste Bewegung. Mehrmals täglich wurde über die Messergebnisse Buch geführt. Denn immer, wenn eine 1 m breite Tragsäule fertig gestellt wurde, schwebte die Kirche in diesem Bereich - einen ganzen Tag lang. Erst nach diesem Tag hatte der neue Baugrund die Festigkeit des alten und von da ab wurde er immer fester und letztendlich ausreichend tragfähig.Während dieser komplizierten und nicht ungefährlichen Arbeiten unter den Fundamenten haben sich die Mauern nicht mehr als 19 mm gesenkt. Die Engelsscharen, die uns ein Gemeindeglied zur Seite wünschte, müssen da gewesen sein. Längst haben die Baumaschinen das Feld geräumt und sind anderswo im Einsatz, um gefährdete Bauwerke zu retten. Für uns hat die Zeit der Abrechnung und Nachkontrolle begonnen. Zum einen können wir heute feststellen, dass sich das Bauwerk seit Anfang Mai in Ruhe befindet. Zum anderen konnten wir den engen, für die statische Sicherung zur Verfügung stehenden Kostenrahmen einhalten. In den kommenden Monaten werden wir das historische Ankersystem, das in 7 m Höhe die Kräfte des Gewölbes im Gleichgewicht hält, so sanieren, dass seine ursprüngliche Tragfähigkeit wieder hergestellt ist. Damit wird die statische Sicherung abgeschlossen sein. Noch vorm Winter sollen auch die großen Risse in den Außenfassaden geschlossen werden, damit das Mauerwerk vor eindringender Feuchtigkeit geschützt ist.
Aber zur endgültigen Wiederherstellung der Fronleichnamskapelle bedarf es noch eines zweiten Bauabschnittes. Dessen Schwerpunkte werden die Reparaturen an den Fenstern, die Sanierung der Mauerwerksrisse und die Wiederherstellung des Fußbodens sein. Den Abschluss werden die Restaurierungs- und Malerarbeiten bilden. Übrigens ist uns unter der weißen Farbschicht schon die eine und andere Besonderheit aufgefallen. Sie können also auf die farbliche Neugestaltung des Innenraums gespannt sein.
Ihr Architekt Jan Bodenstein
August 2011
Von Betonpfählen und Engelsscharen
Ein tonnenschweres Gebäude bewegt sich. Der Baugrund, auf dem es steht, trägt es nicht. Risse entstehen, später fallen Putzstücken herab. Seit Jahren wird mit Sorge die Entwicklung in der Fronleichnamskapelle der St.-Katharinenkirche beobachtet. Experten der Denkmalpflege geben zwischenzeitlich beruhigende Prognosen zu Zustand und weiterer Bewegung. Doch diese erweisen sich als Irrtum.
Ein beherzter Gemeindekirchenrat fasst den Beschluss, die Fronleichnamskapelle zu retten. Erste Sicherungskonzepte werden aufgestellt. Fördermittel werden erfolgreich eingeworben. Rasche Hilfe scheint greifbar nah. Doch der Baugrund erweist sich als noch tückischer, als erwartet, die Bausubstanz ist in noch schlechterem Zustand, als angenommen. Selbst umfangreiche Gutachten und Untersuchungen können nicht das wahre Ausmaß der Probleme in der Tiefe des Baugrunds erfassen, können nicht in meterdicke Mauern hinein schauen. Der anfangs sichere Finanzierungsrahmen wird gesprengt von erforderlichen Maßnahmen, die zu Beginn des Vorhabens nicht abzusehen waren.
Doch ein beherzter Gemeindekirchenrat lässt sich nicht von seinem Weg abbringen. Gemeinsam mit dem Kreiskirchenamt Salzwedel wird ein neues, sehr gewagtes Finanzierungkonzept aufgestellt und binnen eines an ein Wunder grenzend kurzen Zeitraums umgesetzt.
Seit 12. März arbeitet der Spezialtiefbaubetrieb Keller Grundbau aus Bad Fallingbostel an der Katharinenkirche. Mittels aufwendiger, hochmoderner Technik werden 94 Betonpfähle in den Baugrund eingebracht. Die optimale Anordnung der Pfähle haben vier unabhängig voneinander arbeitende Statiker ermittelt. Die hohe Kunst ist es, die Betonpfähle so einzubauen, dass das Bauwerk während der Arbeiten keinen Schaden nimmt. Mit einem Durchmesser von 1,2 m reichen sie bis in eine Tiefe von 7 m. Erst dort finden die erfahrenen Maschinisten tragenden Baugrund.
Wenn die Arbeiten Ende Mai abgeschlossen sind, wird die Katharinenkirche nicht in neuem Glanz erstrahlen. Am Ende der Arbeiten wird die Fronleichnamskapelle vorm Einsturz bewahrt sein. Jedoch für die Reparaturarbeiten der über die Jahrhunderte entstandenen Risse sowie die Wiederherstellung des Fußbodens wird noch ein Bauabschnitt von Nöten sein. Es wird unser aller Anstrengung erfordern, auch diesen in naher Zukunft zu realisieren. Bis zum Abschluss dieses letzten Abschnittes wird eine Holzwand die Fronleichnamskapelle vom Kirchenschiff trennen, werden Stahlstützen vor den historischen Mauern stehen und werden keine Festzüge durch das Westprotal in die Katharinenkirche schreiten.
Neulich sagte mir ein Gemeindeglied, dass es ihm vorkomme, als hätten in der kritischen Phase Engelsscharen die Westwand gehalten und die Fronleichnamskapelle vor dem Einsturz bewahrt. Ich finde dies ein sehr schönes Bild. Gemeinsam werden wir die Arbeiten zu einem erfolgreichen Ende bringen.
Ihr Architekt Jan Bodenstein
Mai 2011
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