Architektur ist Theologie
Eine Kirche ist niemals ein Zweckbau, sondern immer und zuerst und vor allen Dingen ein Glaubenszeugnis. Das Bauwerk ist eine Predigt in Stein und Glas.
Und wie es nicht egal ist, ob Sie bei einer Predigt den dritten Teil vor dem ersten hören, so ist es auch nicht egal, durch welchen Eingang Sie eine Kirche betreten – von wo aus Sie auf eine Kirche zukommen.
Die Katharinenkirche beginnt zu predigen, wenn Sie auf sie zugehen: ob Sie nun von der Breiten Straße, über die Hohe Brücke, durch die Wollweberstraße oder vom Bahnhof her kommen.
Giebelfront an der Südseite
Sie kommen von der Post her und blicken auf die Katharinenkirche: Westvorbau, Kirchenschiff und Sakristeianbau stehen wie einzelne Bauwerke nebeneinander;
die verschiedenartigen Fenster und Türen lassen den Blick nicht zur Ruhe kommen;
Giebel ziehen den Blick auf sich – die Dachflächen sind hintereinander und ineinander gestaffelt;
aus dieser nicht auf den ersten Blick zu überschauenden Dachlandschaft ragt der Turm empor.
Wenn Sie einen Augenblick stehen bleiben und diese Sicht auf sich wirken lassen, dann erscheint Ihnen die Katharinenkirche wie eine Stadtsilhouette.
Die Kirche symbolisiert damit die ewige Stadt - das himmlische Jerusalem.
Darauf gehen Sie zu – Sie nähern sich nicht einfach einem kulturhistorisch interessanten Bauwerk, sondern einem Ort, an dem für Generationen von Menschen ihre Zukunftshoffnung anschaulich wurde: „Da werden abgewischt alle Tränen und kein Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein!“ (Offenbarung des Johannes 21,4).
In diese Kirche sind in all den Jahrhunderten Menschen gegangen, um gesegnet zu werden, um Heilung zu erbitten, von Schuld und Sünde Entlastung zu finden und von ihren Toten Abschied zu nehmen.
Wenn Sie näher an die Kirche herantreten, entdecken Sie eine Sonnenuhr, Grabsteine, Portale ... und überall ließen sich Geschichten erzählen:
Die Sonnenuhr lädt ein, einen Augenblick innezuhalten und nachzudenken:
Wie schön das ist: Kein Sekundenzeiger, der ebenso hastig wie pedantisch seine 60 Schritte pro Minute tut. Kein eindringliches Ticken, das unaufhörlich mahnt: "Nut-ze-die-Zeit, nut-ze-die-Zeit!"
Diese Uhr kennt den Unterschied zwischen Winter- und Sommerzeit nicht und nach Einbruch der Dunkelheit gibt es keine Zeiteinteilung mehr - da hat man dann Zeit.
Was müssen das gesegnete Menschen gewesen sein, die ihr Tagewerk noch nach dem Stand der Sonne ausrichteten! Ganz gewiss ist deren Tagewerk nicht weniger gewichtig gewesen als das, was wir mit unserer effizienten Zeiteinteilung vollbringen. Aber vielleicht war das gereifter, was sie am Abend einbrachten. Vielleicht waren diese Menschen am Morgen gelöster als wir mit unseren eiligen Tagesfrüchten. Vielleicht wird es Ihnen an dieser Sonnenuhr wieder bewußt:
Alles, was das Leben wertvoll macht, verlangt Zeit - Zeitnot entwertet das Leben.
Wenn Sie weiter um die Kirche herumgehen, kommen Sie an verschiedenen Türen vorbei - die erste Tür hinter der Sonnenuhr ist der älteste (erhaltene) Zugang zum Kirchenschiff.
Sehen Sie vor Ihrem inneren Auge die Bettler, die durch die Jahrhunderte an dieser Pforte gesessen haben? Wer aus der Kirche heraustrat, begegnete hier dem Leiden - ganz unmittelbar und von Angesicht zu Angesicht. Heute wird an dieser Stelle Kollekte gesammelt: Wir begegnen dem leidenden Menschen nicht mehr direkt - und das ist ein Verlust an Menschlichkeit. Dem leidenden Menschen aber bleibt der entwürdigende Bettel erspart - und das ist ein Gewinn an Menschlichkeit.
Auf Ihrem Weg um die Kirche gelangen Sie zum Chorabschluss im Osten und schauen zu den Fenstern mit den wertvollen Glasmalereien hinauf:
Eine glatte, graue Front aus Sicherheitsglas und (wenn sie Sonne nicht spiegelt) erkennen Sie darunter als ein Gewirr grauer Linien, Bögen und Rippen die Bleiverglasung.
Doch die Bilder in diesen Fenstern werden Sie von draußen nicht erkennen können.
Dazu müssen Sie in die Kirche hineingehen und sich dorthin stellen, wo das nächste Foto aufgenommen worden ist ...
... und dann langsam näher herantreten an diese anrührende Bilderwelt.
Wenn Sie eine Weile stehen bleiben, werden Sie immer neue Details entdecken - immer tiefer wird Ihnen der Zusammenhang dieser schönen, faszinierenden Glasmalerei einleuchten. Einzelne Bilder werden auf Sie zukommen und manche bilsiche Geschichte wird Ihnen dazu einfallen.
Mir ist das ein Gleichnis für den Glauben an Jesus Christus: Von außen sieht man nicht viel - da sieht man Oberfläche und darunter vielleicht noch ein verwirrendes Geflecht von Lebenslinien, die sich zu keinem Bild zusammenzufügen scheinen. Sie müssen schon den Schritt über die Schwelle tun. Dann aber wird sich unser Glaube in seiner Fülle entfalten und Sie so froh machen, wie diese Bilder es vermögen.






